Meine Rede im Bundestag vom 10.05.2012 zum Thema „Fracking“
Redebeitrag von Dr. Michael Paul (CDU/CSU) am 23.03.2011
TOP ZP 3 Aktuelle Stunde zur Sicherheitsüberprüfung der AKW 98. Sitzung vom 23.03.2011 | 19:00:30 Uhr | Dauer: 00:05:08
Dr. Michael Paul (CDU/CSU):
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Die Vorgänge in Japan sind ernst. Sie sind sicherlich viel zu ernst, um daraus ein innenpolitisches Süppchen zu kochen. Ich sage in aller Ernsthaftigkeit:
(Christian Lange [Backnang] [SPD]: Deshalb das Moratorium!)
Gerade Sie, meine Damen und Herren von der Linken, haben in diesem Haus die geringste Berechtigung, über die Sicherheit der Kernenergie in Deutschland zu sprechen.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)
Schließlich war es die SED – die Partei, aus der Sie hervorgegangen sind –, die für den Bau von Schrottreaktoren in Deutschland verantwortlich war.
(Ulrich Kelber [SPD]: Die Ost-CDU war auch dabei!)
Sieben Blöcke sowjetischer Bauart haben Sie in Deutschland in Betrieb genommen. Alle wurden 1990 wegen Sicherheitsdefiziten vom Netz genommen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Widerspruch bei der LINKEN)
Erzählen Sie also den Menschen in diesem Land nichts von nuklearer Sicherheit!
Meine Damen und Herren von SPD und Grünen, auch Sie kann ich heute nicht verschonen. Sie haben schon vor zehn Jahren jede Legitimation verloren, um in Fragen der Sicherheit ernst genommen zu werden.
(Ute Vogt [SPD]: Wenn man mit dem Finger auf andere zeigt, dann zeigen drei auf einen zurück!)
Sie wollten mit dem von Herrn Trittin und Herrn Schröder im Jahr 2001 unterzeichneten Deal,
(Dr. Hermann Ott [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Den Sie bekämpft haben!)
den Sie mit der Industrie geschlossen haben, die deutschen Kernkraftwerke um bis zu 20 Jahre weiter laufen lassen. Dabei haben Sie die Sicherheitsanforderungen eingefroren, nur damit Ihre industriellen Partner von den Kosten der Nachrüstung verschont bleiben. Das ist doch die Wahrheit.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Widerspruch beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Es ist vollkommen richtig, dass wir nach einem solchen schweren Unfall wie in Japan innehalten, die Erkenntnisse auswerten und alle Reaktoren in Deutschland auf den Prüfstand stellen. Dazu werden wir das dreimonatige Moratorium nutzen. Bei dieser Prüfung kann es aber aus meiner Sicht nicht nur darum gehen, einzelne Szenarien, die bisher betrachtet wurden, zahlenmäßig zu verändern, also beispielsweise statt das stärkste Erdbeben der letzten 10 000 Jahre nun das stärkste der letzten 100 000 Jahre in Betracht zu ziehen; denn jede Zahl, die man bei solchen Szenarien einsetzt, ist letztlich willkürlich. Vielmehr muss es darum gehen, die Sicherheitsreserven der Anlagen darauf zu untersuchen, ob Situationen, wie sie nach Naturkatastrophen und anderen Ereignissen entstehen können, zum Beispiel der Fall eines totalen Stromausfalls im Kernkraftwerk, den sogenannten Station Blackout, den wir auch in Japan erleben mussten, überstanden werden können, ohne dass Menschen in diesem Land von radioaktiver Strahlung verletzt oder getötet werden. Diese Sicherheitsreserven müssen wir systematisch untersuchen und gegebenenfalls verbessern.
(Oliver Krischer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: In drei Monaten? Warum haben Sie das letztes Jahr nicht gemacht?)
Wir werden aber auch grundsätzlich einen neuen, ergebnisoffenen gesellschaftlichen Diskurs über die Frage führen, welches Risiko wir hier in Deutschland bereit sind zu tragen. Hier wird die Ethikkommission sicherlich einen wichtigen Beitrag leisten. Dabei darf sich die Diskussion meiner Meinung nach aber nicht nur auf eine einzige Technologie beschränken; denn es geht um die Gesundheit und das Leben der Menschen in diesem Land. Beides kann nicht nur durch die Kernenergienutzung gefährdet werden. Vielmehr gehen wir in einem Industrieland wie Deutschland mit vielfältigen Risiken um. Wir haben allein über 2 000 Industrieanlagen, in denen mit gefährlichen oder sogar sehr gefährlichen Stoffen umgegangen wird. Über die Frage, welche Risiken wir in unserem Land hinnehmen, können wir ehrlich – nicht isoliert, nur hinsichtlich der Kernenergie – diskutieren. Außerdem müssen die Fragen, die wir zuletzt bei der Erarbeitung des Energiekonzepts in den Mittelpunkt gestellt und beantwortet haben, einbezogen werden.
(Oliver Krischer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das mit dem Energiekonzept ist wohl erledigt! – Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie haben nur ein Atomkonzept gehabt! – Christian Lange [Backnang] [SPD]: Sie haben überhaupt kein Energiekonzept! Sie haben ein Atomkonzept, sonst nichts!)
Denn die Fragen sind richtig: Wie können wir sicherstellen, dass wir auch in Zukunft keine Stromausfälle haben? Wie können wir die Preise für Energie für die Bürgerinnen und Bürger und auch für unsere Industrie auch in Zukunft bezahlbar halten?
(Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Mit Atomenergie bestimmt nicht!)
Wie erreichen wir unsere anspruchsvollen Umwelt- und Klimaschutzziele? Wie finanzieren wir den Umbau des Energiesystems hin zu mehr erneuerbaren Energien?
(Dorothee Menzner [DIE LINKE]: Lesen Sie das Gutachten Ihres eigenen Sachverständigenbeirats!)
Wie kommen wir in der Forschung weiter? Wie können wir den Netzausbau und die Entwicklung von Speichern voranbringen? Beides brauchen wir, wenn wir aus Sonne und Wind Strom erzeugen wollen.
(Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Schauen Sie doch mal in das grüne Energiekonzept! Da hätten Sie das längst lesen können!)
Auch auf diese Fragen müssen wir in der anstehenden Diskussion Antworten geben; denn wir wollen auch in Zukunft in diesem Land in Sicherheit leben – und das mit einer hohen Lebensqualität.
(Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das geht nur ohne Atom!)